Georgien – Schlammstraßen, Khachkare und Irrwege nach Ushguli  

Von den Schlammvulkanen hätten wir einen Weg entlang der Grenze nach Udabno auserkoren, doch der Grenzpolizist, der unsere Papiere kontrolliert hat, rät uns dringend davon ab. Die Brücke sei nicht für unser Auto geeignet, der Weg sei sehr schwierig und der GPS Empfang nicht gut.  Hmmm, blöd, ungern fahren wir den selben Weg zurück. Zum Glück treffen wir ein paar Kilometer weiter Renate und Bernahrd mit ihrem Fridolin, die wir beim Höhlenkloster Vardzia kennen gelernt haben. Sie sind diese Route entlang hergekommen und es sei gar kein Problem. 2 x müsse man einen Fluss durchqueren, da es keine Brücken gäbe, beim 2. Mal müsse man die Furt etwas suchen, aber das würden wir schon schaffen. Juhu! Wir sind froh, eine neue Strecke erkunden zu können.

Bunte Felsformationen, im Hintergrund verschneite Berge. Riesige Olivenhaine. Erste Wasserdurfahrt auf viel befahrenem Weg, die LKWs hohlen Kuhmist von einem Bauern für die Olivenhaine. 2.Wasserdurfahrt mit schlammiger Auffahrt – der gute Bremi hat´s geschafft.

Gleich in der Nähe von Udabno liegt das Kloster David Gareja. Es entstand in der Mitte des 6. Jahrhunderts und soll das älteste Kloster Georgiens sein. Es schmiegt sich einer keilförmigen Bergflanke an. Die Umgebung des Klosterkomplexes fällt durch das markante Bild schräg gestellter bunter Gesteinsschichten auf. Diese entstanden vor vielen Millionen Jahren durch Meeresablagerungen.

Leider war das Licht nicht besonders gut zum Fotografieren. Die bunten Felsen schauen in Natura viel besser aus. Klosterbau mit den alten Höhlen und einer Wasserrrinne im Felsen, die in ein Auffangbecken mündet.

Leider können wir nicht zu den Höhlen, die sich am Bergkamm, teilweise schon im Aserbaidschan, befinden, aufsteigen. Es regnet ziemlich stark und der als sehr schwierig beschriebe Weg schaut schon von herunten sehr schlammig und rutschig aus. Das lassen wir also lieber bleiben. Außerdem ist gar nicht sicher, ob man überhaupt hin kommt. Manche sagen ja, manche sagen, dass das seit georgisch – aserbaidschanischen Grenzstreitigkeiten gar nicht mehr möglich sei.

Das Regenwetter und die erdigen, schlammigen Straßen sollen mir kurz darauf eh noch zum Verhängnis werden. Der Plan ist heute Nachmittag noch nach Ratscha zu gelangen. Die Straße ist auf der Karte gleich eingezeichnet, wie die von Udabno zum Kloster. Schaut gut aus und wir pumpen nach der langen Offroad Tour die Reifen wieder auf. Keine 5 Kilometer vom Kloster entfernt müssen wir in einen Erdweg abbiegen. Na super, nicht besonders ideal, bei diesem Regen und mit vollem Reifendruck. Als der Weg dann auch noch ziemlich steil bergab geht, beginnt die Rutschpartie. Gar nicht lustig, kann ich da nur sagen, wenn dir bei unserem 4 Tonnen-Wackelbremi der Hintern wegrutscht oder er in tiefe Spurrinen hineinrutscht. Für mich zumindest ganz und gar nicht. Ich schmeiße die Nerven wieder mal weg, als der Bremi quer zum Hang hinunterrutscht. Diesmal ist auch der Dackl nicht besonders begeistert (im Gehensatz zu sonstigen Herausforderungen wie extreme Schrägfahrten), kann aber auch sein, dass er wegen der Angst, die mir buchstäblich ins Gesicht geschrieben ist, versucht auf mich Rücksicht zu nehmen. Fotos konnte ich leider nicht viele machen, da ich mich krampfhaft mit beiden Händen am Haltegriff anklammern musste.

Die Wettervorhersage ist überall bescheiden – saukalt, Regen und Schnee, da wollen wir nicht in die Berge fahren. Darum machen wir einen Abstecher nach Armenien zum Sevansee. Dieser liegt auf rund 2.000m Höhe, ist der größte Süßwassersee des Kaukasus und nimmt ein Fünftel der Fläche von Armenien ein. Beim Googeln über armenische Speisen stoße ich auf Fettschwanzschafe (ja, die heißen wirklich so), von denen ich noch nie etwas gehört habe. Das Fett des dicken Schwanzes wird zum Kochen verwendet. Und tatsächlich sehen wir in Noratus auf einem sehr alten Fiedhof diese Fettschwanzschafe) herumlaufen.

Der Friedhof ist berühmt für seine sehr alten Grabsteine – Khachkare – die reich und je nach Epoche unterschiedlich verziert sind. Die ältesten Exemplare stammen aus dem 9. Jahrhundert. Sie stellen eines der zentralen kulturellen Symbole der Armenier dar. Auf dem neueren Teil des Friedhofes sehen wir die für Armenien und Georgien typischen Grabsteine mit lebensechten Abbildungen der Verstorbenen.

Kachkare und typische Grabsteine mit Abbildungen der Verstorbenen, die wir in Georgien und Armenien häufig sehen.

Es ist der 9. Mai, der hier als Tag des Sieges über die deutsche Wehrmacht als offizieller Feiertag gefeiert wird. Trotzdem haben alle Geschäfte und Marktstände offen. Wir spazieren durch den Markt in Gavar und fragen uns laut, ob man hier irgendwo den guten selbstgemachten armenischen Cognac kaufen könne. Anscheinend schnappen ein paar Männer, die in einem Fleischereigeschäft beisammen stehen, das Wort Cognac auf und holen uns hinein. Wir bekommen Cognac, Schokolade und Bananen kredenzt und unterhalten uns wieder mal mit Zeichensprache und Übersetzer sehr gut. Sie erklären uns, dass sie auf den Tag des Sieges anstoßen, dass hier nicht die Gegend sei, wo Cognac selbst gemacht wird und dass in der großen Maschine „Teig“ für Kiufta aus Fleisch, Wasser und Salz hergestellt wird. Dieses dicke „Püree“ wird zu Kugeln geformt und in Wasser gekocht – meine ich zumindest verstanden zu haben. Ob das wohl gut schmecken kann? Aber die Männer scheinen ziemlich begeistert davon zu sein.

Der Sevansee ist bekannt für seine Flusskrebse. Wir finden nach ein paar Mal fragen ein Restaurant, das frische Flusskrebse anbietet und schon schlagen wir zu. An diesem kalten, regnerischen Tag scheinen wir die einzigen Gäste zu sein, aber die Managerin ist sehr freundlich und bemüht. Die Flusskrebse sind super und auch der Flusskrebskaviar begeistert uns. Als wir in der Früh aufwachen hat es bis zum See runtergeschneit. Brrrrr.

Das Kloster Sevanavank beeindruckt durch seine Lage über dem See. Überall entlang des Sees stehen an Fischverkaufsständen Puppen heraußen, die zeigen, wie groß die zu verkaufenden Fische sind (haha). Eine Straße in der Stadt Gavar – eigentlich unglaublich. In der Früh lacht der Schnee von den Bergen.

Die Wettervorhersage für Svanetien ist die nächsten Tage gut und wir wollen die Chance nutzen, also ab wieder zurück nach Georgien. Wir fahren über die kleinere Grenze bei Bavra zurück. Von dort ist der kürzeste Weg nach Ushguli quer über den kleinen Kaukasus in Richtung Kutaisi und dann weiter über Lentekhi und den Zagari Pass. So zumindest der Plan. Aber wir sollten bald merken, dass die Bergpässe fernab der Hauptverkehrsrouten zu dieser Jahreszeit unpassierbar sind. Als erstes scheitern wir an der Strecke Akhalkalaki – Bakuriani. Den umgekehrten Weg wollten wir ja schon vor 3 Wochen fahren, wurden aber von einem Polizeiposten gestoppt. Also noch immer nicht passierbar. Gut, dann den Weg nach Akhaltsikhe, den wir schon kennen. Ich möchte kurz nach der Stadt in die Berge abbiegen und über den Sairme Pass (2.280m) nach Kutaisi. Noch haben wir nicht viel Zeit verloren. Da war mir noch nicht bewusst, dass anscheinend der kleine Kaukasus Mitte Mai noch nicht passierbar ist. Auch das Grenzgebiet Armenien-Georgien liegt auf rund 2.150m und dort war gar kein Schnee mehr. Guter Dinge fahren wir richtung Pass, leider werden wir ein paar Kilometer nach Abastumani von einem geschlossenen Schranken aufgehalten. Na super, Straße gesperrt. Hier geht nichts mehr, sagt man uns, zu viel Schnee. Hmmm. Wir müssen einen großen Umweg über Khashuri nach Kutaisi fahren. Gar nicht lustig. Da verlieren wir mindestens einen Tag. Die Polizisten in Abastumani meinen, von Kutaisi aus könne man über den Zagari Pass fahren. Glauben sie. Sicher sind sie auch nicht ganz, aber das sei auch zu weit weg, wir müssten uns durchfragen. Kutaisi ist eine große, stressige Stadt. Wir finden niemanden, der uns sagen kann, ob man den Pass fahren kann. Also fahren wir halt mal rein ins Tal in Richtung Zagari Pass. Wir fragen wieder an einer kleinen Polizeistation, ob der Pass passierbar ist. Nein, sie glauben nicht, aber so genau wissen sie es auch nicht. Wir wollen nicht so schnell aufgeben und der Polizist ruft irgendwo an. Wahrscheinlich auf der anderen Seite des Passes. Danach ist klar, es geht definitiv nicht. Wir müssen umdrehen, der einzige Weg nach Ushguli ist momentan über Zugdidi und Mestia. Christian ist voll angefressen. Wieder ein Tag verloren. Ich kann ihn verstehen, die ganze Fahrerei auf diesen Straßen und Pisten ist extrem anstrengend. Hunderte Schalglöcher, überall laufen Kühe, Schweine und Hunde mitten auf der Straße herum und die Georgier fahren wie verrückt. Ob wir jemals in Ushguli ankommen werden?

Von Zugdidi nach Mestia ist ein breiter Weg. Hauptsächlich rumpelnde Betonstraßen mit – natürlich – unzähligen Schalglöchern. Wir machen bei Becho einen kleinen Abstecher in das Dolkha Tal. Die Dolkha entspringt zu Füßen eines der berühmtesten Gipfel Swanetiens, des Ushba (4.737m). In den Dörfern hier auf dem Weg nach Mestia sieht man schon viele der mittelalterlichen, für die Region typischen, Wehrtürme.

Die 46 km von Mestia nach Ushguli beginnen gar nicht so übel und wir kommen einigermaßen gut voran. Wir haben auch noch mal einen schönen Blick auf die 2 Gipfel des Ushba.

Die letzten 10 Kilometer haben es dann aber in sich. Eine einspurige Schotterstraße in den steil abfallenden Hang hineingefräst. Immer wieder rutscht der Hang ab und versperrt den Weg. Die kleine Schubraupe, die am Wegesrand steht, ist sicher im Dauereinsatz. Man fährt 20 cm neben dem Abgrund. Dann tut sich plötzlich eine Ebene auf und da steht das Ortschild Ushguli. Wir haben es also tatsächlich geschafft!

Der Weg gabelt sich und es gibt einen Wegweiser mit „right way“. Wir sind etwas ratlos, ob das heißen soll, das sei der rechte Weg (statt links) oder der richtige Weg, also den, den man fahren soll. Der Weg führt offensichtlich mitten durch den ersten der 4 Ortsteile von Ushguli. Also nehmen wir diesen. Der Weg durchs Dorf besteht mehr aus Kuhmist und Schlamm als aus Straße und es wird ziemlich eng. Schon kommt ein Mann aus seinem Garten gesprungen und ist besorgt, dass wir nicht durch die tief hängenden Stromkabeln kommen. Aber es geht sich gerade auf 5 cm aus. Gut, beim Zurückfahren nehmen wir den anderen Weg.

Wir fahren ganz hinauf zur Lamaria Kirche, die sich oberhalb der 4 Dörfer, die sich in den Berghang schmiegen, befindet. Dahinter tut sich eine kleine ebene Fläche auf und es steht auch schon eine Gruppe Offroader hier. Wir werden von den Travellern (https://www.youtube.com/c/Theturtletrotterautourdumonde und https://www.youtube.com/watch?v=J_d4RmvDzQY) der zwei französischen und des einen belgischen Fahrzeuges, herzlich begrüßt und stellen uns auch dazu. Alle sind wieder mal begeistert von unserem selbstgemachten Zirberl.

Es ist ein magischer Platz. Die Aussicht auf den Schchara, den höchsten Berg Georgiens (5.201m), ist atemberaubend.

Traumhaftes Wetter als wir ankommen. Am nächsten Nachmittag ist der Gipfl bereits wolkenverhangen.

Der Schchara ist der dritthöchster Berg im Hauptkamm des Großen Kaukasus, der die Grenze zwischen Georgien und Russland bildet. Wir haben besonders Glück, denn meist ist der Gipfel in Wolken.

Die anderen Reisenden erzählen uns, dass sie auch nicht glauben konnten, dass der Zagari Pass mit ihren Offroad-Trucks nicht befahrbar sei. Sie wurden aber eines Besseren belehrt und mussten ca. 16 km vor Ushguli aufgrund der Schneemassen von über 2 Meter Höhe umdrehen. Na zum Glück haben wir uns das erspart und sind schon viel früher umgekehrt. Ein Einheimischer meint, es werde heuer mindestens noch bis Mitte Juni dauern, bis die Straße frei ist.

Die 4 Dörfer, die zu Ushguli gehören, sind beeindruckend. Auch wenn es, vorallem im letzten oben am Berg liegenden Dorfteil, in den letzten Jahren aufgrund des vermehrten Touristenaufkommens bauliche Veränderungen gab und nicht mehr nach alter Tradition dazu gebaut wurde, gibt es noch viele sehr alte Häuser und Wehrtürme und fühlt man den mittelalterlichen Charme. Wasser, Schlamm und Kuhmist rinnt durchs ganze Dorf.

Rund 200 Menschen leben dauerhaft hier heroben, was, vorallem im Winter, sicherlich nicht einfach sein dürfte. Die Dorfgemeinschaft ist gute 6 Monate von der Außenwelt abgeschnitten. Hier im großen Kaukasus sind die Winter noch sehr hart, da hat es leicht mal 4 bis 5 Meter Schnee. Ende der 1980er Jahre waren es sogar einmal 16 Meter, erzählt uns ein Einheimischer.

Jetzt (Mitte Mai) kommen schön langsam die Bewohner zurück, die den Winter im Tal verbracht haben. In jedem Garten wird gehämmert, gesägt und irgendwas repariert. Die meisten Cafés und Restaurants haben aber noch geschlossen. Die Straße sei ja überhaupt erst seit ca 3 Wochen befahrbar. Dennoch kommen jeden Tag einige der Marshrutkas (allradgetriebene Minibusse) mit Tagestouristen von Mestia herauf.

An einem Abend machen wir Party in einem der wenigen offenen Restaurants. Durch Zufall haben wir es am Nachmittag entdeckt und das kleine neu hergerichtete Restaurant in einem Haus aus dem 14. Jahrhundert hat uns gleich sehr gut gefallen. Wir haben nach Brot gefragt (es gibt wenig Einkaufsmöglichkeiten in Ushguli) und die sehr nette Wirtin hat gleich gemeint, wenn wir etwas Zeit hätten, würde sie uns frisches backen.

Wir kehren am Abend zurück, essen gut und – der Hausherr ist anscheinend ein Partypeople – tanzen bis in die frühen Morgenstunden zu georgischer Musik und viel Wein. Zum Glück haben der Hausherr und sein Neffe, Christian geholfen, mich den steilen Weg zu unserem Schlafplatz hinaufzubringen.

Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, hier herauf zu kommen. Und – die Svanen sind gar nicht so seltsam, wie man ihnen nachsagt….


4 Gedanken zu “Georgien – Schlammstraßen, Khachkare und Irrwege nach Ushguli  

  1. Hey ihr Lieben, die Berichte kommen ja einer DOKU auf ARTE gleich. Ich denk mir oft wie das mit dem Treibstoff geht, immer wieder diese Umwege durch gesperrte „Straßen“. Das Tankstellennetz scheint mir nicht sehr dicht zu sein. Aber ich glaube, das ist wahrscheinlich euer kleineres Problem. Auf alle Fälle weiterhin gute Fahrt und viel Glück. Karl.

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    1. Danke Karl! 😁
      Das mit dem Treibstoff ist gar kein Problem, es gibt genug Tankstellen und wir haben ja einen 260 Liter Tank. Also in der Tat unser kleinstes Problem. Viel schwieriger ist es oft ein Restaurant zu finden, dann wenn man eines braucht. 🙈

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