Wir verlassen Ani Richtung Schwarzmeerküste um von dort im Tal des Flusses Firtina Deresi den Ausgangspunkt unserer Bergtour ins Kaçkar Gebirge zu erreichen.

Die Landschaft ist von Wiesen und riesigen Rinderherden geprägt.



Nach Ardahan ändert sich das Landschaftsbild. Wir sind im ostpontisches Gebirge angelangt.






Wir machen einen Abstecher zum See Karagöl, der uns im Feinkostladen als sehenswert empfohlen worden ist.





Der See ist sehr lieb gelegen, aber nichts für uns zum Bleiben. Wir sehen auf der Karte gleich in der Nähe einen zweiten See, aber keinen Weg hin. Am Satellitenbild ist aber deutlich ein Weg zu sehen. Also probieren wir unser Glück. Der Weg ist einfach mit der Schubraupe ausgeschoben und zeitweise etwas gatschig. Unten angekommen sehen wir schon ein großes Schild und Baracken, die auf Holzarbeiten hindeuten. Wir fahren weiter den See entlang, auf die freie Fläche zu, die wir am Satellitenbild als möglichen Stellplatz identifiziert haben. Leider werden wir genau dort von den Holzarbeitern gestoppt.







Wir schauen noch weiter auf die andere Seite des Sees, sind aber nicht ganz zufrieden und fahren weiter.

Als wir uns nach Borcka Richtung Schwarzmeerküste hinunterwurmen, ändert sich die Landschaft plötzlich wieder komplett. An den steil abfallenden Hängen ist alles dicht mit irgendwelchen niedrigen Büschen bewachsen. Überall.


Am Straßenrand sehen wir alle paar hundert Meter seltsame Seile gespannt, die entweder den Berg rauf oder steil bergab in die Tiefe gehen.
Dann in der nächsten Ortschaft angekommen sehen wir ein paar Kleintransporter auf die aus großen Säcken grüne Blätter aufgeladen werden.
Was bitte ist das nun wieder?


Plötzlich schießt es mir ein – Tee!
Ja klar! Die Türken trinken ja ständig ihren Çay (Schwarztee). So viel Çay wie hier hab selbst ich als Teetrinkerin selten getrunken. Wahrscheinlich weil man selten wo Alkohol bekommt 🙈.
Ich recherchiere und stoße auf einen Bericht in der ARD Mediathek, der über die gefährliche Tee Ernte in der Schwarzmeerregion um Rize und Trabzon berichtet.
Die Seilbahnen mit den ungesicherten Plattformen, die wir vorher schon gesehen haben, werden dazu benutzt, die schweren Säcke mit den Teeblättern die extrem steilen Hänge hinauf oder hinunter zu transportieren. Oft gib es tödliche Unfälle dabei.








Wir werden oft gefragt, ob wir uns so allein wohl sicher fühlen auf unseren Reisen. Ja, bis jetzt immer. Wir haben noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Gerade in den weniger besiedelten Gebieten sind die Menschen immer sehr freundlich. Hier in der Türkei sind sie nahezu überall offen und freundlich. Wir werden sehr oft zum Gruß angehupt und die Leute winken uns erfreut zu.
Das einzige, wovor ich mich manchmal fürchte, sind manche Offroad Passagen.
So wird mir jetzt auch mulmig zu mute, wenn ich mir unsere bevorstehende Route auf der Karte anschaue. Wir wollen hinauf auf 2.900 m. Der Weg hat sicher gerade mal Fahrzeugbreite und windet sich in einer Passage in mehreren Spitzkehren über 700 Höhenmeter steil den Berg hinauf, und verläuft dann oben entlang des Grates weiter. Wir haben gesehen, dass die Berge rundum noch ziemlich verschneit sind. Was wenn wir plötzlich irgendwo vor einem Schneefeld oder einem sonstigen Hindernis stehen? Umdrehen kann man gerade auf diesem Abschnitt sicher nirgends. Ich kenne solche Bergwege. Schmal und am Abgrund entlang. Zum Umdrehen mit dem Bremach keine Chance.
Als ich meine Bedenken äußere stoße ich beim Dackl auf taube Ohren. Ach was, meint er, umdrehen kann man schon irgendwo, irgendwie. Sorgen mache er sich erst wenn es soweit ist. Na bravo, denke ich…




Der Weg wir schmaler und es geht kontinuierlich bergauf.





Schon auf 1.800 m türmen sich zeitweise die Schneewände neben der Straße 2 – 3 Meter hoch. Überall dort, wo Lawinen abgegangen sind oder es Schneeverwehungen gegeben hat. Aber hier wurde der Weg freigefräst, weil es weiter oben noch ein paar Dörfer gibt. Auch hier wäre Umdrehen nur selten möglich, der Weg ist schmal zwischen Bergwand und Abgrund zum Fluß. Meine Befürchtungen, dass wir irgendwo im Schnee stecken bleiben und dann im Schlamassel sitzen, bestärken sich.




Ich suche auf der Karte krampfhaft nach Umkehrmöglichkeiten, z.B. dort, wo es eine Weggabelung gibt und setzte mir Markierungspunkte. Bis zur letzten Markierung vor den Spitzkehren, die in den Steilhang hineingefräst sind, fahre ich mit, sage ich zu Christian, dann möchte ich stehenbleiben und die Situation anschauen. Er ist ein bißchen genervt von meiner Panikmache.



Auf rund 2.000 Metern liegen noch 2 liebe Dörfer im Hang. Die sind wohl auch nur in den schneefreien Monaten bewohnt, wären sie im Winter doch völlig von der Umwelt abgeschnitten.



Wir kommen genau bis zu meinem letzten „Umkehrmarkierungspunkt“, dann sehen wir schon ein riesiges Schneefeld in der ersten Kehre. Wir steigen aus und schauen uns die Lage an. Der Weg ist leider unpassierbar.
Jetzt bist erleichtert, gell, sagt Christian zu mir. Ja, denke ich, JA! Nein, sage ich. Schade, dass wir nicht weiterkönnen, sage ich.
Ich wär ja wirklich gerne auf den Berg gefahren, aber halt lieber dann, wenn ich mich einigermaßen sicher fühle.


Wir gehen ein Stück weiter um zu schauen, ob der Weg nur hier versperrt ist, aber auch schon in der übernächsten Kehre liegt Schnee.
Seltsamerweise sehen wir zwischen den beiden versperrten Kehren Reifenspuren. Ob die wohl noch vom Vorjahr sind?

Wir geben den Traum den Berg zu überqueren auf, der Weg hätte uns auf fast 3.000 m hinauf gebracht, und suchen uns einen Schlafplatz. Wir nehmen eine Abzweigung, die zu ein paar Hütten führt. Eindeutig ein Sommerlager. Hier ist, bis auf eine Hütte, aus der wir es hämmern hören, noch niemand da.


Oberhalb der letzten Hütte ist ein kleines Plateau, wie geschaffen für uns. Wir müssen zwar durch ein bisschen Sumpf, da hier Wasser herunter rinnt, aber machbar.
Der Platz ist schön, mit tollem Panorama.
Wir können von hier auch den Weg am Berggrat entlang sehen, den wir gefahren wären. Auch oben definitiv unpassierbar. Ende Mai ist halt zu früh für eine Bergtour.








Wir sind nun auf 2.300 m gestrandet. Es war zwar, als die Sonne geschienen hat, recht warm, aber sobald sie weg ist, wird es ganz schön kalt. Wir sammeln etwas Holz zusammen und beginnen schon früh mit dem Lagerfeuer. Ohne Feuer wär es draußen sehr ungemütlich gewesen.


Gut, dann machen wir eben eine Betgtour in Zentralanatolien das nicht so hoch und auch nicht so schneereich ist, wie das Schwarzmeergebirge.
Ich schaue auf der Karte, wie wir denn am besten dorthin kommen. Wir sind irgendwo da, wo ich den roten Punkt auf der Karte eingezeichnet habe und wollen zum blauen Punkt. Für mich also der logische Weg. Das Firtina Deresi Tal nach Ardesen zurück raus (da gibt’s eh keine andere Möglichkeit) und dann von Of über Bayburt und Kelkit Richtung Erzincan. Lauter große Straßen, von Of nach Bayburt geht die D 915, die zwar über den Beggpaß auch in etlichen Kehren verläuft, aber was soll schon sein, bei einer gut ausgebauten Hauptverkehrsroute. So dachte ich zumindest, als ich die Karte studiert hab. Das sollte sich noch als Fehler herausstellen!

Wir brechen am Vormittag ohne Frühstück von unserem Schlafplatz auf, denn wir haben am Weg eine nette Location gesehen, wo wir jetzt, da wir ja wieder zurück müssen, einkehren wollen. Der Besitzer hat den Fluß etwas umgeleitet, sodass er einen kleinen Teich hat. Als wir hinkommen angelt er gerade. Er drückt Christian die Angel in die Hand, damit er unser Essen zubereiten kann und keine 5 Minuten später hat der Dackl schon den ersten Fang. Eine Regenbogenforelle, die gleich mit in die Pfanne kommt.



Bär unterwegs.





Nach der Stärkung machen wir uns auf den Weg Richtung Bayburt. Ab Köknar wird die D 915 plötzlich schmal und holprig. Wir fahren am hunderte Meter tiefen Abgrund entlang und bald ist es nurmehr eine einspurige Schotterpiste. Mir ist ganz schwummelig, so tief geht es hier überall runter. Am Gegenhang sind Häuser und immer wieder viele Bohnenfelder.



Dann kommen die Kehren. 13 Stück, die mit einer Steigung von bis zu 17% in nur 5,4 km 400 Höhenmeter überwinden.
Wirklich enge Spitzkehren, in 12 davon muss Christian reversieren. Ich bin etwas angespannt. Das Zurückschieben ganz nahe am Abgrund und dann mit unserem Auto schwer wieder anfahren und um die Kurve kommen, macht mich schon etwas nervös. Fahrfehler darf man sich hier keinen erlauben. Aber ich weiß, dass der Dackl den Bremi unter Kontrolle hat. Er ist ja nicht ängstlich in solchen Situationen, aber es ist extrem anstrengend für ihn. Und das dann auch noch am Abend um 18:00 nach eh schon einem anstrengenden Fahrtag. Und alles nur, weil ich nicht richtig recherchiert habe.
Eigentlich ist die D 915, die Bayburt Staße, ja hinlänglich als eine der gefährlichsten Straßen der Welt bekannt. Echt blöd von mir, dass ich mir da keinen ausreichenden Vermerk in der Karte gemacht habe!
Nicht, dass wir die Route dann nicht gefahren wären, aber halt mit ausreichender Vorbereitung wie Luft ablassen und nicht so spät am Abend völlig von der Situation überrascht!
Für die 5,4 Kilometer haben wir übrigens fast eine halbe Stunde gebraucht.


Oben angekommen ist es überall grün. Eine Zeit lang fahren wir über eine Hochebene, dann geht es in sanft geschwungenen Kurven auf frischem Asphalt auf der anderen Seite Richtung Bayburt hinunter.


Wir kommen natürlich an diesem Tag nicht mehr so weit wie geplant, gehen in Bayburt essen und übernachten außerhalb der Stadt in einem Feld.
Wir brauchen noch einen Zwischenstopp, bevor wir die nächste Bergtour angehen und finden diesen netten See.




Am nächsten Morgen sind wir positiv gestimmt. Die Bergkulisse hier ist weitgehend frei von Schnee. Diesmal werden wir sicher durchkommen! Es fängt gut an, wir haben schönen Ausblick sowohl auf die umliegenden Berge als auch auf die reichlich blühende Flora am Wegesrand.








Wir sehen auch den wilden Rhabarber, den wir in der Vanseeregion so oft gesehen und angeboten bekommen haben.

Einige Zeit lang fahren wir auf einer Höhe zwischen 1.900 m und 2.200 m entlang. Dann kommt eine Passage, wo wir noch mal in eine Talsenke hinunter müssen um uns dann auf der andren Seite wieder in einigen Spitzkehren hinaufzuschrauben.
Von Gegenüber können wir die steile Passage schon sehen. Mir wird schon wieder ganz schön mulmig zumute.





Unten in der Talsenke sind 2 Häuser. Wer bitte wohnt hier mitten im Nichts? Wir sehen nicht gleich, wo der Weg an den Häusern vorbei geht und bleiben stehen. Da kommt auch schon ein älterer Mann, der uns zu verstehen gibt, dass wir nicht weiterfahren können. Wir deuten ihm, dass wir dort hinten hinauf und auf die andere Seite des Berges wollen. Sprechen können wir leider nicht miteinander und hier in der Talsenke funktioniert auch kein Internet, sodass wir den Übersetzer verwenden hätten können. Er deutet, dass der Weg irgendwo verschüttet ist. Na super, jetzt haben wir endlich eine schneefreie Piste, die aber durch Steinschlag versperrt ist. Christian will es nicht so recht glauben, war doch der Weg bis hier her schon von einer Schubraupe freigeschoben worden. Dort oder da haben wir das anhand der Spuren identifizieren können. Ich will mir den Steilhang natürlich lieber sparen, wenn ich schon weiß, dass es nicht weitergeht. Christian will trotzdem rauf fahren, hab ich so das Gefühl. Der Mann meint, wir könnten schon fahren, würden aber wieder zurückkommen. Nach einigem Hin und Her drehen wir enttäuscht wieder um.
Wir müssen einige Kilometer zurück, bis wir dann auf dem Satellitenbild einen Weg finden, der uns einigermaßen in die Richtung bringt, in die wir wollen. Diese Ausweichroute ist stellenweise ganz schön abenteuerlich. Wir fahren sowohl durch eine Schlucht, als auch am Abgrund entlang. Teilweise auf ruppigem Felsen, teilweise durch richtige Schlammpartien. Wir können anhand der Spuren sehen, dass hier schon einige Fahrzeuge stecken geblieben sind. Aber für uns alles kein Problem.







Wir suchen uns einen abgelegenen Schlafplatz in der Nähe des Kemaliye Canyons, den wir als nächstes am Programm haben.






